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Feature Bademeister

Das heimische Bad als Alltags- und Wohlfühlort ist bekannt. Doch wie fühlt sich ein Bad als Arbeitsplatz an? Eintauchen in eine andere Welt - ein Bademeister gewährt Einblicke in seinen Alltag.

„Eintauchen in eine andere Welt“

Es ist einer dieser schönen Spätsommertage. Viel Sonne, wenig Gäste. Hannes sitzt auf seinem grünen Plastikstuhl und behält den Überblick. Zwei Becken überschaut er von seinem Platz auf dem kleinen Hügel.

Rechts die Schwimmer, links die Nichtschwimmer, hinter ihm das Bademeister-Häuschen aus den 60er-Jahren.

Autorität muss man sich erarbeiten. Bei Hannes ist das kein Problem. Große Statur, wohldefinierte Muskeln, aufrechte Körperhaltung. Keine übertriebene Bräune, kein Goldkettchen, keine Klischees. An Sonnenbrille, Trillerpfeife und Badelatschen kommt er als Badeaufsicht natürlich nicht vorbei. Ein T-Shirt mit Schriftzug „Badeaufsicht“ auf dem Rücken vertreibt letzte Zweifel.

„Die Pfeife macht viel aus“

Hannes sagt von sich selbst, dass er kein extrovertierter Mensch sei. „Die Pfeife macht viel aus. Und der Umgang damit“, erklärt der 51-Jährige. Ein schriller Pfiff – und die Aufmerksamkeit ist ein Selbstläufer. Die Rettungsschwimmer-Prüfung und den Erste-Hilfe-Kurs muss der Blondschopf alle zwei Jahre erneuern. Kopfbedeckung, Sonnenbrille und hoher Lichtschutzfaktor bei der Sonnencreme sind im Hochsommer ebenfalls Pflicht.

Die Arbeitsschicht beginnt eine Stunde vor Badebetrieb. Müll einsammeln, das Schwimmbad aufhübschen, danach Präsenz zeigen. Es heißt, bereit zu sein, wenn jemand Hilfe braucht: Wehwehchen, Stiche, Schürfwunden und Blasen verarzten. Oder ein Gast hat etwas verloren, vergessen oder leiht sich etwas aus. „Wir sind einfach da für die Badegäste“, sagt Hannes. Ganze 35 Insektenstiche an einem Tag hat er kürzlich verarzten müssen. Für ihn ist das kein Grund zur Panik.

Seine Freibad-Saison startet schon im März. Die leeren Beton-Becken werden dann erst mal ausgebessert und gestrichen. Danach erst folgt im Mai das kühle Nass, zwei Millionen Liter passen in die zwei Becken vor Ort. An einem heißen Tag versickern und verdunsten schon mal 100.000 Liter Wasser. Durch das ständige Nachfüllen ist die Qualität 1A.

„Bademeister sind so etwas wie Spaß-Verderber“

Wer im heimischen Bad noch Fugen zwischen den Fliesen pflegt, kennt die Abneigung gegen das Saubermachen. Fürs Schrubben der riesigen Beckenböden im Schwimmbad gibt es Gottseidank technisches Gerät, das selbständig arbeitet. Eines kostet 35.000 Euro. Die unebenen Strukturen führen die Maschinen allerdings an Grenzen.

Der Standard im Freibad heute wäre ein Edelstahlbecken. Schwimmen in einer blitzeblanken Wanne würde allerdings ein Investitionsvolumen von locker 1,5 Millionen Euro bedeuten. Das kann das Vereinsbad im Fränkischen nicht mal einfach so stemmen.

Die Last für Hannes und seine zwei Kollegen hält sich am heutigen Tag ebenfalls in Grenzen. In der Hochsaison aber testen jugendliche Badegäste gerne mal aus, wie weit sie gehen können. „Der Bademeister war schon zu meiner Kinder- und Jugendzeit so etwas wie der Spaß-Verderber“, erzählt Hannes mit einem Lächeln. Doch wenn jemand Leib und Leben eines anderen gefährdet, dann hört auch bei der entspannten Teilzeit-Kraft der Spaß auf. Der Respekt vor brenzligen Situationen ist bei Hannes immer da. Im Fluss, nur wenige hundert Meter entfernt vom Freibad, ist kürzlich ein 17-Jähriger ertrunken. Das lässt einen nicht kalt.
Hannes liebt den Umgang mit den vielen verschiedenen Menschen und das Arbeiten an der frischen Luft in einer wundervollen, traumhaften Umgebung. Das macht für ihn diese besondere Tätigkeit im Vereinsbad aus, es ist für ihn ein Eintauchen in eine andere Welt. Und er empfindet seine Arbeit als Badeaufsicht sinnstiftend. Das ist etwas, was ihm in seinem „normalen“ Job in der Industrie manchmal fehlt.

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